ENGLISH | | DEUTSCH 

Der koloniale Mythos "Afrikaforschung"; Gustav Nachtigal
von: Lerche ()
Datum: 22. September 2010 17:09

Der Nachtigalplatz im Wedding soll umbenannt werden. Die Gegner der Umbenennung behaupten, Nachtigal sei ein unbescholtener Wissenschaftler gewesen, darum soll der Straßenname bleiben. Folgt man aber genauer den Lebenslinien Nachtigals, wird schnell klar, dass derart einem kolonialen Mythos gehuldigt wird.

"Nachtigal war u.a. auch ein weltweit anerkannter Botaniker" schreibt in diesem Forum Rita Handt. Andernsorts wird er als "berühmter Geograf" und "mutiger Entdecker" gefeiert. Die nachrufende Literatur zeichnet heldenhafte Bilder: Nachtigal und die anderen "Afrikaforscher" seien immer nur völlig selbstlos an ihrer wissenschaftlichen Arbeit interessiert gewesen, und sie wären mit einer "weißen Weste" (angeblich gewaltfrei) aus Afrika zurück gekommen. Sie wären "Freunde der Afrikaner" gewesen, immer sorgenvoll gegen den Sklavenhandel der "Araber" eingestellt und hätten stets auf der Hut gegen angeblich "feindselige", "fanatische", "habgierige" und "grausame Stämme" sein müssen.

Solches gehört nun wirklich in die Mottenkiste der kolonialen Heldenmythen. Auch war Nachtigal ja nicht nur als Forschungsreisender unterwegs, sondern auch als Reichskommissar in Kamerun und Togo, um dort die deutschen Kolonialinteressen und die Pfründe der Großkaufleute zu verteidigen und möglichst viel Land abzugreifen.

Nachtigal war weder Botaniker noch Geograf. Nachtigal war Militärarzt. Nachdem er seinen militärärztlichen Dienst wegen Krankheit quittieren musste, ging er zur Genesung nach Algerien. 1864 schloss er sich als "freiwilliger Militärarzt" den Truppen des deutschfreundlichen Beys in Tunis an, die Steuern eintrieben und Aufständische niederschlugen, die "gegen Mißwirtschaft und Korruption bei Hofe protestierten". (Graudenz, Schindler: Die deutschen Kolonien, S. 180, 1994). Der Bey hatte es gründlich geschafft, sein Land wirtschaftlich zu ruinieren. Nachtigal ging in seinem Gefolge an den europäischen Höfen umher, um Geldanleihen für den korrupten Herrscher zu acquirieren.

Für seine erste Forschungsreise hielt sich Nachtigal selbst "für wissenschaftliche Forschungen nicht genügend vorbereitet ... Als Arzt in Tunis lebend, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mir die Kenntnis der astronomischen Beobachtungsmethoden zu geographischen Ortsbestimmungen anzueignen, ohne die in neuester Zeit kaum noch ein Reisender ausgeschickt wird. Auch in wichtigen Zweigen der beschreibenden Naturwissenschaften waren meine Kenntnisse unzulänglich." (Vorwort zu Nachtigals Hauptwerk „Sahara und Sudan“).

Matthias Fiedler beschreibt in seinem Buch "Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus. Der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert" (2005) die "Afrikaforschung" des 19. Jahrhunderts als Beobachten, Bestaunen, Beschreiben, Beschriften, Sammeln, Aufzeichnen, Ordnen, Kategorisieren, Kartographieren, Vermessen - und derart als ein europäisches Bedürfnis, Ordnung in das scheinbare Chaos der "fremden" kulturellen Erscheinungen zu bringen. Dieses Ordnen geschah immerzu unter kolonialem Blick und im klaren Bewusstein der eigenen, vermeintlichen Überlegenheit.

Fiedler bezeichnet die Riege der deutschen "Afrikaforscher" Gustav Nachtigal, Heinrich Barth und Gerhart Rohlfs als "geografische Reisende", Georg Schweinfurth als "wissenschaftlichen Reisenden" mit einem deutlich kolonialrassistischen Hintergrund und Hermann Wissmanns "Forschungsreisen" als Kolonisierung. Damit spannt er den Bogen zu den tatsächlichen Motiven der (kostspieligen) "Afrikaforschung": der Kolonisierung und ihrer Vorbereitung durch Erforschung von Verkehrs- und Wasserwegen, (Nutz)Pflanzen, Bodenschätzen und das Studium am Menschen. Die teuren Expeditionen wurden häufig von kolonialinteressierten Kreisen finanziert.

Johannes Fabian hinterfragt in seinem Buch "Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas" (2001) die "Wissenschaftlichkeit" Reiseberichte. Er kommt zu dem Schluss, dass die Erkenntnisse vielfach unter den erschwerten Reisebedingungen erleiden mussten. Häufg mussten die Afrikareisenden unter großen Strapazen reisen. Vielfach erkrankten an Malaria und hatten zudem ein gehörig Maß an Medikamenten, Opiaten und Alkohol intus. All dies trübte die Sinne. Nachtigal selbst: "Die ewige Sorge um die Bedürfnisse des täglichen Lebens nagt an ... Tatkraft, die ohnehin durch Klima, Krankheit und geistige Vereinsamung leidet, und beeinträchtigt natürlich seine wissenschaftliche Tätigkeit." (Vorwort zu "Sahara und Sudan")

Der eigene Ehrgeiz und die Konkurrenz unter den Kollegen trieben voran, als Erster zu den angeblich "weißen Flecken" vordringen zu müssen. Deshalb wurden oft unter dem Druck geografische Daten eiligst gefälscht. Nach Rückkehr erwarteten die Geldgeber und das an Exotischem interessierte Publikum sensationelle Ergebnisse, und so konnten die gefeierten Forschungsreisenden in die Annalen gehen.

Ein weiterer Mythos behauptet, die deutschen/europäischen "Afrikaforscher" wären entschiedene Gegner des Sklavenhandels der "Araber" geworden. Dennoch haben sie ihre Reisen auch von Kolonialkaufleuten finanzieren lassen, die Versklavte auf ihren Plantagen arbeiten liessen. Auch gab es unter den Forschern offensichtlich wenig Berührungsängste, wenn es galt, gemeinsam mit Sklavenhändlern zu reisen und sogar Dienste von Versklavten, z.B. als Träger, in Anspruch zu nehmen. Die größten Sklavereigegner entpuppten sich in der Folge als eifrigste Anhänger von Kolonien - für die Opfer änderte sich indes wenig: sie litten jetzt unter neuen Herren.

Gerne wird die kolonialpolitische Betätigung Nachtigals von seinen Verehrern verschwiegen. Bismarck beauftragte Nachtigal ab 1884, möglichst viel von Togoland und Kamerun „unter deutscher Flagge“ zu stellen. Die Hamburger Handelsherren vor Ort, Woermann und Jantzen & Thormälen hatten ordentlich Lobbyarbeit im Reichstag und bei Bismarck geleistet. Sie befürchteten Aufstände der Kolonisierten in Kamerun sowie die französische und britische Konkurrenz. Nachtigal schloss sog. "Schutzverträge" mit den Königen Manga Bell und Aqua ab und „hisste Flaggen“ - hinter seinem Rücken immerzu die Drohkulisse des Kanonbootes "SMS Möwe". Und bereitwillig beglaubigt er die betrügerischen Landerwerbungen der Firma Lüderitz im damaligen Südwestafrika (heute Namibia). Die deutschen Kolonialkaufleute errichteten Nachtigal zum Dank ein posthumes Denkmal in Douala.


weiterführend:

aus Eduard Woermanns Tagebuch: Wie Kamerun deutsch wurde, In: Hans Zache: Die deutschen Kolonien in Wort und Bild, Nachdruck 2006

Mary Louise Pratt: Imperial Eyes: Travel Writing and Transculturation, Routledge 1992

Cornelia Essner: Afrikareisende im neunzehnten Jahrhundert: zur Sozialgeschichte des Reisens. (Beiträge zur Kolonial- und überseegeschichte, Bd. 32.), Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985.

Optionen: AntwortenZitieren



Ihr Name *
Ihre Emailadresse: 
Beitrag *
Spamschutz:
Spamschutz: Bitte rechnen Sie die unten angegebenen Zahlen zusammen und geben Sie das Rechenergebnis in das Eingabefeld ein. Diese Vorsichtsmaßnahme dient zum Schutz vor automatisierten Spamprogrammen, die Foren überfluten.
1 plus 13 = ?


Disclaimer